Ancient Greek
Praefatio 1, Die Überlieferung
Eusebius Scr. Eccl. et Theol., Commentarii in Psalmos (Tom. I: Ps 1–50) 1.Die Palästinische Katene.1
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Nachdem die große und unübersichtliche Menge der Handschriften, die eine Psalmenkatene enthalten, von Georg Karo und Hans Lietzmann in siebenundzwanzig Typen geordnet worden war, entdeckte Marcel Richard, ausgehend von Beobachtungen durch Robert Devreesse, in der weit verzweigten und vielfältig entwickelten Überlieferung die älteste Form der Psalmenkatene und nannte sie La chaîne Palestinienne. Seit der umfassenden Revision, Vermehrung und Vervollständigung unserer Kenntnisse der Psalmenkatenen durch Gilles Dorival wird sie auch als die „Erste Palästinische Katene“ (CPG C 24) bezeichnet. Als ihre Hauptzeugen für den dritten Teil des Psalters haben die Codices Ambrosianus F 126 sup. (A) und Patmiacus 215 (P) zu gelten. Beide Handschriften gehen unabhängig voneinander auf dieselbe Vorlage zurück, was allein schon aus den vielen übereinstimmenden fenestrae ersichtlich ist. Bei diesem Hyparchetyp handelt es sich um den zweiten Band der zweibändigen Ausgabe der Palästinischen Katene, also um die Katene zu Psalm 77 bis 150. Im Katalog von Georg Karo und Hans Lietzmann zählt diese Ausgabe der Psalmenkatene zum Typ XI. Gilles Dorival ordnet sie genauer als die zweite Ausgabe der Ersten Palästinischen Katene neben der ersten und dreibändigen ein. (A) Ambrosianus F 126 sup. (12. /13. Jh.) Die Handschrift, die neben einer handschriftlichen Zählung am oberen Rand eine gestempelte am unteren Rand aufweist, beginnt mit der Katene zu Ps 83,4 und endet, in der modernen Zählung, auf 422v mitten in einem Auszug aus Didymus zu Ps 150,3ab. Eine jüngere Hand trug auf einem weiteren Blatt den Katenentext nach, aber auch sie bietet ihn nicht mehr vollständig und bricht im drittletzten Exzerpt nach vier Zeilen ab. Das Wenige, das noch fehlt, ist dem Patmiacus 215 zu entnehmen. Die im großen und ganzen zuverlässige Handschrift zeigt neben den üblichen Itazismen eine gewisse Unsicherheit in der Verwendung von ο und ω. Wo es sich nicht einfach um einen Fehler handelt, muss Eusebs Ausdrucksweise zur Entscheidung berücksichtigt werden: Im Fragment zu Ps 143,3ab lesen wir in A τῆς τοῦ θεοῦ προνοίας τῆς περὶ τῶν ἀνθρώπων, in P und, abgesehen von Wortumstellungen, in N τῆς τοῦ θεοῦ προνοίας τῆς περὶ τὸν ἄνθρωπον. Der Vorzug ist P und N zu geben. Erstens ist im Kontext vom Menschen im Singular die Rede. Vor allem konstruiert Eusebiusπρόνοια auch an anderen Stellen mit περί mit Akkusativ, wenn nicht mit dem bloßen Genetiv. Der falsche Genetiv Plural stand in der Vorlage. Denn P korrigiert während des Schreibens mit derselben schwarzen Tinte. (P) Patmiacus 215 (12. /13. Jh.) Der mit dem Ambrosianus gleichaltrige Pergament-Codex aus dem Johannes-Kloster auf Patmos ist am Anfang ebenfalls beschädigt und beginnt mit der Katene zu Ps 78,3. Er endet auf fol. 356v mit einem anonym gebotenen Auszug aus Eusebius zu Ps 150,6. Dies dürfte auch das Ende der Katene gewesen sein. Ein Leser notiert nach einem größeren Abstand: πάνυ πέφυκεν ὠφέλιμος ἡ βίβλος. ταύτην μετελθὼν καλὸν εὑρήσεις πλοῦτον. Absicht des im Patmiacus vorliegenden Textes war es, den Kommentar des Theodoret mit der Katene zu verknüpfen. Zu diesem Zweck gibt der Katenist nach dem Lemma stets zuerst die Kommentierung von Theodoret wieder und fährt dann mit dem Katenentext fort, wie er sich auch im Ambrosianus findet, mit der Ausnahme, dass die verhältnismäßig wenigen Einträge aus Theodoret zur Vermeidung einer Doppelung getilgt wurden. Dennoch scheint nicht die Katene zu Theodorets Kommentar hinzugefügt worden zu sein, sondern umgekehrt der Kommentar zur Katene. Denn die Aufteilung der Lemmata ist nicht aus Theodoret, sondern aus dem mit dem Ambrosianus gemeinsamen Hyparchetyp entnommen. Dieser bildete also den Rahmen. Das Schriftbild ist dreifarbig. Wie üblich sind Lemmata und Initialen rubriziert. Der auf Sorgfalt bedachte Schreiber hat an dem in schwarzer Tinte geschriebenen Text in derselben Tinte, also während des Schreibens, kleinere Korrekturen, vielfach auf Rasuren, vorgenommen. Ein Beispiel: Das offenbar in der Vorlage fehlende οὐ in οὐ μόνον δὲ τὸ κέρας im Exzerpt zu Ps 131,17ab, dessen Fehlen der Schreiber von A nicht bemerkte, hat er nachträglich hineingezwängt und im folgenden das schon geschriebene und überflüssige δι’ οὗ τὸ σῶμα wieder gelöscht und, damit man die Stelle nicht für eine fenestra halte, mit einem aus dem zuletzt geschriebenen Wort hervorgehenden langen Strich besetzt. Die erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber dem Text zwang ihn wohl, nach der Fertigstellung der Abschrift nochmals einen eigenen Korrekturgang durchzuführen (P2). Dafür benutzte er eine braune Tinte, die er teils wieder auf Rasuren aufbrachte. Fraglich ist, ob diese Eingriffe als eigene Konjekturen zu verstehen sind oder auf einer anderen Vorlage beruhen. Wo offenkundige grammatikalische Fehler, so im ersten Satz des Exzerptes zu Ps 144,14a–16b, oder auch der Textsinn verbessert werden, lässt sich natürlich eine Konjektur annehmen. Zum Beispiel liest P2 am Beginn des Textes zu Ps 108,30a–31b: Πολλῶν τίνων (allerdings ohne Fragezeichen), wobei πολλῶν das Lemma aufgreift. Der Hyparchetyp der Hauptzeugen las offenbar das indefinite Pronomen: πολλῶν τινων, A und P haben lediglich mit ihrer Akzentsetzung (τινῶν) die Enklise-Regel nicht befolgt. Die Übereinstimmung von P2 mit Cb, einem Zeugen der Monophystischen Katene, an dieser Stelle ist wohl kaum als Indiz für eine gemeinsame Vorlage zu deuten, da der Verfasser von Cb mehr noch als P2 zu eigenständigen Verbesserungen der Lesequalität neigt. Wenn P2 aber auf fol. 258r zu Ps 122,1a–c die Autorenzuweisung εὐσεβ in brauner Tinte nachträgt, scheint er doch eine andere Vorlage gekannt zu haben. Denn sie fehlt auch im Ambrosianus, mithin im Hyparchetyp. Ebenso ist vielleicht im Text zu Ps 144,14a–16b das am Rand braun geschriebene ἀμείβων, das den Ausdruck πόλιν ἐκ πόλεως ergänzen soll, keine korrigierende eigene Erfindung. Dagegen wieder muss der Autor von P2 keine besondere Vorlage benutzt haben, wenn er an einer Stelle im Text zu Ps 136,1b–2 die Formulierung ändert: aus ἀπεκλαίοντο τῆς ἑαυτῶν πατρίδος ὡς ἂν θεοῦ πόλεως μεμνημένοι macht er ἀπεκλαίοντο τῆς ἑαυτῶν πατρίδος τὴν ἐρήμωσιν ὡς ἂν θεοῦ πόλεως μεμνημένοι. Er erwartete zu ἀπεκλαίοντο einen Akkusativ, den er sich mit τὴν ἐρήμωσιν ausdachte, und sah nicht, dass τῆς ἑαυτῶν πατρίδος zum folgenden Partizip μεμνημένοι gehört. Das Verhältnis des Textes in A und P ist im großen und ganzen einfach und sicher zu bestimmen; einige Details müssen im Unklaren bleiben. Auf die gemeinsamen fenestrae habe ich bereits hingewiesen. Darüber hinaus fehlte im Hyparchetyp in der Kommentierung zu Ps 104 eine längere Passage; sie kann mit der Sekundärüberlieferung leidlich gefüllt werden. In A mündet der Text mit στηρίζει τοῦτον γάρ in eine große fenestra von eineinhalb Seiten (145rv). Es fehlen der Rest des Exzerptes zu Vers 16 und die Auszüge zu Vers 17–29, was bei mir den Fragmenten 12 bis 18 entspricht. A fährt auf fol. 146r oben in der ersten Zeile fort mit dem Lemma Vers 30b. P füllt das Fenster mit dem Kommentar von Theodoret aus (138r–139r), wodurch sie nicht mehr als solche sichtbar ist. Allerdings lässt P auch den noch in A vorhandenen Text zu Vers 16 weg. Beide fahren nicht ganz übereinstimmend mit dem Lemma Vers 30 fort: A mit 30b, P mit 30a. Dass diese Auslassungen nicht auf einer Abhängigkeit des Patmiacus vom Ambrosianus beruhen, sondern dem Hyparchetypen anzulasten sind, dieser jedoch nicht die unmittelbare Vorlage gleicherweise für A und P war, ist deutlich zu erkennen. Im Fragment zu Ps 102,3a–5b zeigt A von dem in P stehenden Ausdruck ἐν θνητῷ nur die letzte Silbe und hat den übrigen Platz freigelassen, woraus nicht nur folgt, dass weder A von P (sonst hätte A den Ausdruck) noch P von A (sonst hätte P den Ausdruck nicht) abstammen kann, sondern auch, dass die unmittelbare Vorlage von A hier schadhafter war als die von P. Ebenso verhält es sich in den Fragmenten zu Ps 118,32ab hinsichtlich des Ausdrucks τὴν τῶν ἐντολῶν ὁδόν (dass P auf Rasur schreibt, dürfte hier eine Verbesserung eines eigenen Schreibfehlers sein), zu Ps 134,8a–12b καί und zu Ps 144,7ab γενεαλογεῖσθαι und ἀξίων. In den Fragmenten zu Ps 118,132ab λαμβάνουσιν und zu Ps 144,13a–13ab ὠβέλισται ist die fenestra umgekehrt nur in P zu sehen. (Im Fragment zu Ps 144,21a–c, wo ich προφητείαν eingefügt habe, hat P entweder das Fenster oder das Wort übersehen.) Weitere Beobachtungen bestätigen, dass A nicht Vorlage für P war. Während singuläre Formulierungen wie δηλοῖ δὲ οὕτω καὶ ἄλλος zu Beginn des Fragmentes zu Ps 123,3b–5 dem Autor der Handschrift A zueigen und dem von P unbekannt waren, gehen andere Abweichungen nicht auf Überlegungen von A zurück, sondern sind Fehler, die P vermieden hat. Dazu gehört beispielsweise der das Fragment zu Ps 122,1a–c beschließende, in A ausgefallene Halbsatz ἀπὸ δὲ τοῦ κάτω βλέπειν βλαβήσεται, oder ein Augensprung wie ὡς θεοῦ λαόν im Fragment zu Ps 101,11b–12b oder καὶ δοξολογεῖν im Fragment zu Ps 102,1ab oder ἢ κατὰ τὸν Θεοδοτίονα –τοῦ θεοῦ Ἰακώβ im Fragment zu Ps 113,7a–8b oder τυγχάνει, ὥσπερ οὖν ἐστιν ἀληθές im Fragment zu Ps 127,5a–6b oder οὐδὲ τὸ τερπνόν im Fragment zu Ps 132,1bc. Umgekehrt ist die Auslassung von ὁ μὲν Μανασσῆς τὴν Γαλαάδ, ὁ δὲ Ἐφραὶμ τὴν Συχέμ im Fragment zu Ps 107,8a–10c im Patmiacus ein Fehler, den er wohl nur zufällig mit C gemeinsam hat, da es sich um einen Augensprung handelt. Ebenfalls springt P mit den Augen im Fragment zu Ps 143,1b–d von Γολιάθ zu Γολιάθ. Dergleichen Fehler kann P selbst gemacht oder von seiner unmittelbaren Vorlage übernommen haben. Nicht alle wird man auf Konzentrationsschwäche des Schreibers zurückführen können. Ein Fehler von P gegenüber A ist der Ausfall des inhaltlich unerlässlichen τουτέστιν εὐχαριστεῖν αὐτῷ im Fragment zu Ps 121,4a–c. Schwierig zu erklären sind ebenso die Auslassung von οὕτως γὰρ ἡρμήνευσεν ὁ Σύμμαχος —ἡμᾶς καὶ αὐτονόμους am Ende des Fragmentes zu Ps 107,11a–12b in P oder die Abwesenheit des für die eusebische Diktion so charakteristischen Ausdrucks νοήσεις καὶ οὕτως ἐπιστήσας ὡς am Beginn des Textes zu Ps 118,164ab. Sehr viel häufiger trifft man in P auf Korrekturen an dem Text, wie er in A repräsentiert ist. So hat P, um nur ein Beispiel anzuführen, im Fragment zu Ps 131,17ab den in A geschriebenen und nicht als störend bemerkten Ausdruck δι’ οὗ τὸ σῶμα nachträglich als falsch erkannt und gelöscht. Signifikante Abweichungen verlangen nicht notwendig gesonderte Vorlagen, wie zum Beispiel in der Hypothese zum dreizehnten Gradualpsalm das von P hinzugefügte φιλανθρωπίας. Der erforderliche Zusatz wurde vom Schreiber bemerkt, nachdem er den nächsten Satz schon begonnen oder ganz geschrieben hatte, jedenfalls nachträglich, denn er radierte die beiden Wörter aus seiner Vorlage und fügte das auch in A fehlende dritte Wort hinzu. Dasselbe Erscheinungsbild zeigt seine Version des ersten Satzes im Fragment zu Ps 121,1bc, die deshalb nicht als ursprünglichere lectio difficilior zu werten ist, sondern als nicht sehr geschmeidige Konjektur, die zudem hier, anders als im zuvor genannten Fall, nicht notwendig ist. Dagegen bleibt unkenntlich, warum im Bruchstück zu Ps 131,8a ἐρχόμενοι καὶ ἐπισπεύδοντες in P für εὐχόμενοι καὶ ἐπισπέρχοντες in A steht. Diesen Beobachtungen zufolge sind A und P voneinander völlig unabhängig und, da sie wahrscheinlich eine unterschiedliche unmittelbare Vorlage benutzten, von ihrem Hyparchetypen jeweils nur indirekt abhängig. Die Vorgehensweise des Autors der Palästinischen Katene besteht in der Regel darin, zu einem Lemma eine kurze Serie von vermutlich wörtlich genauen Auszügen aus Kommentaren zu demselben Lemma anzuführen, ohne diese zu einem Fließtext zu verbinden. In wenigen Ausnahmefällen bringt er an der Stelle der Exzerpte eine ebenso vermutlich von ihm selbst formulierte Zusammenfassung der exegetischen Position. Sie wirkt distanzierend, ist aber frei von Polemik. Unseren Eusebius im vorliegenden Band betrifft dies die Mitteilung zu Psalm 148,4ab (A 410r; P 346v). Sie stellt Eusebius in die origeneische Tradition und ist einem Auszug aus Chrysostomus unmittelbar angehängt: Οὐκ ἀγνοητέον δέ, ὡς Ὠριγένης καὶ Εὐσέβιος ὁ Καισαρεὺς καὶ Δίδυμος καὶ ἕτεροί τινες πολλοὺς εἶναι βούλονται τοὺς οὐρανοὺς ἐκ τῆς προκειμένης λέξεως καὶ ἐκ τοῦ τὸν ἀπόστολον Παῦλον ἕως τρίτου οὐρανοῦ ἁρπαγῆναι. βούλονται δὲ καὶ λογικοὺς εἶναι τοὺς ἀστέρας καὶ τὰ ὕδατα τὰ ὑπεράνω τῶν οὐρανῶν λογικὰς εἶναι δυνάμεις.