Ancient Greek
Praefatio 1, Die Überlieferung
Eusebius Scr. Eccl. et Theol., Commentarii in Psalmos (Tom. I: Ps 1–50) 1.Die Psalmenkatene des Niketas von Herakleia.1
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Niketas, mit dem ungeklärten Beinamen ὁ τοῦ Σερρῶν, war ab 19. Mai 1117 Metropolit von Herakleia Pontike. In seiner davor liegenden Zeit als Diakon an der Hagia Sophia und als διδάσκαλος an der Schule des Patriarchen in Konstantinopel erstellte er mehrere Katenen zum Alten und Neuen Testament, darunter, vermutlich als erstes Werk, eine Psalmenkatene (CPG C 21). Überliefert wurde sie offensichtlich in zwei Bänden, von denen der eine Ps 1–76, der andere Ps 77–150 behandelte. Von Karo und Lietzmann wird sie unter dem Typ VIII beschrieben, von Gilles Dorival als eine Vertreterin der „Gemischten Konstantinopolitanischen Katenen“ eingeordnet und ausführlich analysiert. Entstanden ist sie zwischen 1088 und 1105, sehr wahrscheinlich im Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit. Niketas besaß Zugang zu sehr viel mehr Schriften von Eusebius als uns heute vergönnt ist. Die griechischen Fragmente zur Theophanie (CPG 3488) sind aus seiner Lukas-Katene gewonnen, ebenso die Schrift De solemnitate paschali (CPG 3479). Sein literarisches Engagement lässt daher von selbst die Frage aufkommen, ob er über die Fragmente in der Katene hinaus nicht auch den Psalmen-Kommentar des Eusebius oder größere Teile davon unabhängig von der Fragmentierung in der Palästinischen Katene kannte. Und tatsächlich gelang Gilles Dorival der Nachweis, dass unbekannte Texteinheiten aus Eusebius enthalten sind, und er nahm an, dass Niketas noch dessen ganzen Kommentar vor sich gehabt habe. Ob freilich Niketas tatsächlich eine Gesamtausgabe von Eusebs Psalmen-Kommentar benutzen konnte oder nur über einen umfangreicheren Text gegenüber der Palästinischen Katene verfügte, lässt sich nicht entscheiden. Sicher ist lediglich, dass er immer wieder zusätzliches Material aus dem Kommentar bietet. Für eine Sammlung der Eusebius-Fragmente ist die Ausbeutung der Psalmenkatene des Niketas somit unerlässlich. Aus der überraschend umfangreichen Überlieferung des imposanten Werkes konnte ich drei Codices auswerten. (Nd) Coislinianus 190 (13. /14. Jh.) Der 259 Blätter umfassende Pariser Codex ist auf Pergament geschrieben, das teilweise ein Palimpsest darstellt; es enthält eine noch nicht zuzuordnende Psalmenkatene. Ab fol. 196 sind 22 Seiten Papier eingelegt worden; die Herstellungsweise verweist auf Südtitalien. Die Handschrift enthält den zweiten Band der Niketas-Katene und setzt unbeschädigt erst mit der Behandlung von Ps 80,2b ein. Das Fehlen des Materials ab Ps 77 dürfte der Vorlage anzulasten sein. Der Coislinianus bietet nicht den originalen Text, wie ihn Niketas der Öffentlichkeit übergab. Denn die Abweichungen zwischen Nh und Nd weisen dort auf eine Bearbeitung des Textes in Nd hin, wo Nh mit der Palästinischen Katene übereinstimmt. Meist handelt es sich bei den Veränderungen nicht um Problemlösungen und Konjekturen, sondern um willkürliche Eingriffe. Aus einer Umwandlung zum Beispiel eines pronominal gebildeten Satzes in den Plural der dritten Person wie im ersten Satz im dritten Abschnitt des Fragmentes zu Ps 102,1a lässt sich keinerlei Motivation ersehen. Sinnentstellende Wortauffassungen wie σταυροῦ statt σωτῆρος im Fragment zu Ps 101,23a–25a oder λόγοις (durch Assoziierung mit dem vorausgehenden λόγος) statt ἔργοις im Fragment zu Ps 102,22a–c verraten ein geringes Interesse des Schreibers am Inhalt, doch kann eine Abweichung vom originalen Niketas-Text, besonders wenn sie keinen inhaltlichen Fehler darstellt, bereits traditionell sein. Das zeigen Übereinstimmungen mit dem Laurentianus, zum Beispiel im zweiten Fragment zu Ps 103,13a–15c, wo Nd und Ne ὁ προφήτης einfügen und τούτων mit τῶν ζῴων verdeutlichen. (Ne) Laurentianus Plut. V 14 (12. Jh.) Der Florentiner Codex enthält auf 431 Folia die Niketas-Katene von Ps 77,1a bis Ps 112,9. Der Grund für diesen Abschluß ist nicht erkennbar; es gab wahrscheinlich keine entsprechende Einteilung des zweiten Bandes der Katene. Ne bietet weniger Zuschreibungen am Rand, manchmal aber auch einige singuläre. Die Textqualität ist insgesamt besser als im Coislinianus. Der Autor zeigt keine Absicht auf eigene Textgestaltung. Abweichungen wie ein vereinfachendes συνεργοῦντα für συγγεωργοῦντα im zweiten Fragment zu Ps 103,13a–15c bleiben vereinzelte Eingriffe. Mitunter finden sich Erweiterungen gegenüber den anderen N-Handschriften, die jedoch für vorliegende Eusebius-Texte nicht relevant sind, beispielsweise im Eintrag zu Ps 110,10c (fol. 417v). (Nh) Harleianus 5791 (17. Jh.) Die junge Papierhandschrift wurde im (heute nicht mehr existierenden) Kloster zum heiligen Sabbas in Bukarest von einem Nikolaos angefertigt und am 26. Januar 1682 abgeschlossen. So möchte man jedenfalls die Schlußnotiz auf fol. 665r verstehen. Dorival nimmt eine Entstehung im 15. bis 16. Jahrhundert an. Auftraggeber oder späterer Besitzer war der auf fol. 13r genannte rumänische Gelehrte und Politiker Constantin Cantacuzenus, der 1716 verstarb, doch gelangte das Buch, dem Katalog der British Library zufolge, schon vor dessen Tod über Edmund Chishull in englischen Besitz. Der Harleianus gehört zu den wenigen Codices, die den gesamten Text der Niketas-Katene enthalten. Allerdings scheint der Schreiber der Meinung gewesen zu sein, er könne hie und da einen längeren Abschnitt übergehen. Die Auslassungen mögen auch der Vorlage geschuldet sein; um bloße Lesefehler kann es sich kaum handeln. Wo sie bemerkt wurden, haben mindestens zwei Hände am Rand den Text nachgetragen. Er scheint der ursprünglichen Katene anzugehören, auch im Fall des Kommentars zum Lemma Ps 148,7a–8b. Dort findet sich ein Auszug aus Theodorets Homilien De providentia, der im Coislinianus nicht enthalten ist, mit dem aber wohl doch die urspüngliche Niketas-Fassung hergestellt ist, da der Harleianus im Text drei weitere Einträge bringt, die im Coislinianus fehlen; auf die am Rand nachgetragene Passage folgte innerhalb des Textkörpers ein Auszug aus Gregors von Nazianz Oratio 28, danach wieder ein Stück aus Theodorets De providentia und nochmals ein Abschnitt aus der Oratio 28, jeweils mit der richtigen Verfasserangabe. Die Handschrift suggeriert mit der Rubrizierung von Initialen inmitten des Textflusses eine genaue Kenntnis des Quellenwechsels wenigstens dort, wo Niketas selbst, wahrscheinlich am Rand, eine entsprechende Kennzeichnung vorgenommen hatte. Tatsächlich aber ist Nh in der Textabgrenzung unzuverlässig; häufig ist die Initiale um eine halbe Zeile oder mehr verschoben. Was die Handschrift trotz dieses Mangels und vor allem trotz ihres verhältnismäßig jungen Alters wertvoll macht, ist das hohe Alter ihres Textes. Viele Auslassungen und lexikalische Schwierigkeiten im Coislinianus können mit ihm erkannt und behoben werden. Doch stößt man auch auf Situationen, die wohl auf jüngeren Einflüssen beruhen wie die gegen Ne und Nd stehende Textauffassung im zweiten Fragment zu Ps 109,1bc, und auf Sonderlesarten, die vom ursprünglichen Niketas-Text abweichen und für die Konstitution seiner Quelle keine Bedeutung haben, zum Beispiel τετηρημένην (sic) für πεποιημένη im Fragment zu Ps 102,22a–c. Die Ausbeutung der Niketas-Katene ist mit großen Hindernissen verbunden. Es ist nicht so sehr die Qualität der Handschriften, sondern die Arbeitsweise des Katenisten, die es häufig schwierig macht herauszufinden, in welchen Passagen überhaupt Eusebius vorliegt und, wenn sie entdeckt sind, in welcher genauen Abgrenzung und in welchem Grad an Originalität. Die Vorgehensweise des gut belesenen Niketas ist zu unregelmäßig, als dass ein Kriterium zur Identifikation der benutzen Autoren aus der Kompositionstechnik gefunden werden könnte. Die Exzerpierung nahm er oftmals sehr kleinteilig in Teilsätzen und einzelnen Ausdrücken vor. Sein Ziel war es, einen einheitlichen Fließtext pro Lemma zu erstellen. Das heißt: Auf das Lemma, das in den Handschriften, wie üblich, durch Spatien und Paragraph abgesetzt, als Zitation gekennzeichnet und rubriziert ist, folgt ein einzelner kompakter Textkörper unterschiedlicher Länge, an dem ein oberflächlicher Blick keinerlei Gliederung feststellen kann. Erst während der Lektüre stößt er auf Partikel wie ἤ oder Adverbia wie τάχα und πλήν oder kurze exegetische Kennzeichnungen wie ὑψηλότερον, die ihm einen Wechsel der Quelle anzeigen. Allerdings ist darauf kein Verlass. Sie können zum Text der Quelle gehören. Vor allem können sie auch weggelassen werden, so dass beinahe ein Cento mit unbemerkbaren Quellenwechseln entsteht, beinahe sage ich, weil immer mit kleineren Eingriffen in die Vorlage zu rechnen ist. Zuweisungen am Rand können für die Entdeckung von Eusebius-Fragmenten nur eingeschränkt als Leitfaden benutzt werden, aus mehreren Gründen: nicht selten sind sie verrutscht und der Text, dem man die Angabe am Rand zuzuordnen hat, beginnt zwei oder drei Zeilen weiter. Ebenfalls häufig besagt eine Autorenangabe am Rand, auch wenn sie am Beginn eines kompilierten Kommentars steht, nicht mehr als dass der genannte Autor irgendwie und an irgendeiner Stelle, vielleicht gar erst am Ende des Scholions, enthalten ist. Von etwa derselben Ungenauigkeit ist die Autorenangabe, wenn sie mit einem oder zwei anderen Namen durch ein καί verknüpft ist. Der Name des Eusebius wird neben echten Eusebius-Stellen vorzugsweise bei Exzerpten aus Pseudo-Athanasius, Theodoret und, weniger häufig, aus Chrysostomus angegeben. Dies geschieht mit einer gewissen Regelmäßigkeit, so dass sich die Vermutung aufdrängt, dass in solchen Fällen die Namensangabe nicht den Autor des exzerpierten Textes mitteilen soll, sondern dessen Abhängigkeit von Eusebius. Was wir geneigt sind, für eine falsche Angabe zu halten, kann also auf die Quelle der Quelle deuten. Und tatsächlich setzen die drei genannten Autoren den Kommentar des Eusebius voraus und verarbeiten deutlicher eusebische Ideen als etwa Didymus oder Apolinarius. Die Arbeitsweise des Niketas muss hier nicht im einzelnen ausgebreitet werden; das geschieht an anderer Stelle. Für die vorliegende Edition sollen nur einige Aspekte hervorgehoben werden. Die Kleinteiligkeit, mit der Niketas oftmals arbeitet, bringt es mit sich, dass so manche Phrase, die eusebische Eigenart verrät, nicht sicher als solche identifiziert werden kann. Beispielsweise findet sich in Ps 106,22b (Nd fol. 99r) der zum nächsten Lemma (Vers 23a–24b) überleitende Satz τίνες δὲ οἱ τὸ εὐαγγελικὸν ἐξάγοντες κήρυγμα, ἑξῆς παρίστησι λέγων. Was man für eine Leserführung durch den Katenenautor Niketas halten möchte, könnte dennoch und zugleich ein Zitat aus Eusebius sein, der auf eben diese Weise gern seine Leser führt: Auf eine Frage, die sich aus dem vorangehenden Text ergibt, wird geantwortet mit einem Zitat einleitenden ἑξῆς παρίστησι λέγων. Auch der Ausdruck εὐαγγελικὸν κήρυγμα gehört zu bevorzugten Lexik Eusebs, nicht allerdings in der Verbindung mit dem Verbum ἐξάγω. Wenn Niketas innerhalb einer wörtlich mit C und A P übereinstimmenden Passage einen Satz in eusebischen Geist einfügt, muss er nicht aus Eusebius stammen. Zum Beispiel setzt er in die wörtliche Wiedergabe eines Stückes aus dem ihm vorliegenden Katenenfragment zu Ps 106,2a–3b gegen Ende, zwischen πραχθέντος und ὥρα, völlig reibungslos ein: κατὰ πᾶσαν γὰρ τὴν οἰκουμένην ἐσκεδασμένοι τυγχάνουσιν. Dieser Satz ist aus dem Kommentar von Theodoret genommen. Man ist also nicht befugt, Referate aus Eusebius dann für ursprünglicher als in der Palästinischen Katene vorliegend zu halten, wenn sie in eusebisch scheinender Manier erweitert sind. Im genannten Fall ist die Einfügung dank der Direktüberlieferung Theodorets einfach erkennbar, in anderen Fällen ist eine Identifikation nicht möglich. Dieselbe Vorsicht hat zu walten, wenn ein Fragment mit einem sicher eusebischen Gedanken erweitert ist: Er kann von Niketas aus einer anderen Stelle des Eusebius in den Katenen genommen und wiederholend versetzt worden sein. Der Katenist gibt nicht einfach ein unangetastetes Exzerpt wieder wie es die alten Katenenautoren gehandhabt hatten, sondern kontaminiert Eusebius mit Eusebius. Zum Beispiel übernimmt er in sein erstes Exzerpt aus dem Fragment zu Ps 106,13a–14b den Ausdruck τὰς λογικὰς τῆς ψυχῆς δυνάμεις aus dem vorausgehenden ersten Fragment zu Ps 106,10a–12b. Erweiterungen übernommener Fragmente können aber auch bedeuten, dass Niketas den Text in den Katenen mit dem Kommentar verglichen und ergänzt oder gar selbst ein Exzerpt aus dem originalen Eusebius-Kommentar angefertigt hat, wie er ja auch Texteinheiten vorlegt, die in keinem unmittelbaren Kontext mit den Fragmenten aus der Palästinischen Katene stehen. Die Erweiterung innerhalb eines aus der Palästinischen oder der Monophysitischen Katene übernommenen Stückes kann auch lediglich im Geiste Eusebs formuliert und der Quelle erklärend hinzugesetzt sein. Von solcher Art könnte beispielsweise der Zusatz zum Fragment zu Ps 110,3a–4a sein: καὶ προσέτι τὴν τῶν ἐθνῶν κλῆσιν καὶ ταύτην προκεκηρυγμένην. Selbst bei typisch eusebischen Ausdrücken ist Vorsicht geboten. Sie beweisen nicht, dass auch der Satz, in dem sie vorkommen, von Eusebius ist. Ich zeige dies exemplarisch anhand der Hypothese zu Ps 111 in der Katene von Niketas. Dort begegnet die für Eusebius so charakteristische Wendung τοῦ μετὰ χεῖρας ψαλμοῦ. Nachdem Niketas den Kommentar von Pseudo-Athanasius zu Ps 111,1 als Hypothese übernommen hat, fügt er folgenden Text hinzu: ἕπεται δὲ τὸ τοῦ μετὰ χεῖρας ψαλμοῦ προοίμιον τῷ τέλει τοῦ προλαβόντος. διὸ τὴν αὐτὴν εἴληχεν ἐπιγραφὴν ὡς ἐκείνου μέρος· ἐκεῖ μὲν εἶπεν· ἀρχὴ σοφίας φόβος κυρίου (Ps 110,10a), ἐνταῦθα δέ· μακάριος ἀνὴρ ὁ φοβούμενος τὸν κύριον ἐν ταῖς ἐντολαῖς αὐτοῦ θελήσει σφόδρα(Ps 111,1bc). Man glaubt eine syntaktisch etwas gestutzte, aber sonst für Eusebius gewöhnliche Strukturbeobachtung vor sich zu haben, die, abgesehen von dem schwer zu verstehenden τὴν αὐτὴν ἐπιγραφήν, keine Auffälligkeiten zeigt (mit προοίμιον kann Eusebius durchaus die ersten Verse eines Psalms bezeichnen; vgl. den Kommentar zu Ps 44 =PG 23, 396 C1–5 oder die Fragmente Nr. 1 zu Ps 134 und Nr. 3 zu Ps 144). Tatsächlich aber führt Niketas den Text der Hypothese von Euthymius an, der seinerseits Chrysostomus (PG 55, 290,34–38; s. Unterstreichung) benutzt: σφόδρα μοι δοκεῖ τῷ τέλει τοῦ πρὸ τούτου ψαλμοῦ ἕπεσθαι τὸ τοῦ παρόντος προοίμιον. διὸ τὴν αὐτὴν καὶ οὗτος εἶχεν ἐπιγραφὴν ὡς ἐκείνου μέρος· ἐκεῖ μὲν γὰρ εἶπεν· ἀρχὴ σοφίας φόβος κυρίου, ἐνταῦθα δέ· μακάριος ἀνὴρ ὁ φοβούμενος τὸν κύριον (PG 128, 1097 A5–10). Bei Euthymius steht τοῦ παρόντος anstelle des typischen Eusebius-Ausdrucks τοῦ μετὰ χεῖρας ψαλμοῦ. Doch folgt daraus nicht, dass er ihn fortgelassen bzw. ausgetauscht hat und wir bei Niketas die eusebische Quelle für Euthymius lesen. Vielmehr fügt ihn Niketas ein. Er gibt also nicht etwa die Quelle für Euthymius an, sondern übernimmt den von Chrysostomus ausgehenden Euthymius und fügt den Eusebius-Ausdruck ein. Entnommen hat er ihn aus dem Fragment zu Ps 111,1bc in der Palästinischen Katene. Dasselbe Verfahren wendet er immer wieder bei Pseudo-Athanasius an. Eine mit eusebischem Text erweiterte Übernahme aus Pseudo-Athanasius bedeutet jedenfalls meiner Meinung nach nicht, dass Niketas die Quelle für den exzerpierenden Pseudo-Athanasius bietet. Vielmehr kombiniert er ihn mit Ausdrücken oder auch Sätzen aus ihm vorliegenden Eusebius-Fragmenten, so dass ein homogener, scheinbar originaler Text entsteht, der in Wirklichkeit eine sekundäre Erweiterung eines Pseudo-Athanasius darstellt und nicht die eusebische Vorlage für dessen Paraphrase ist. Ein Leser kann also oftmals nicht erkennen, ob der Katenist einen Auszug aus Eusebius bietet oder einen anderen Autor mit Eusebius unterlegt oder selbst einen Gedanken mit eusebischen Gedankengut aus einer ganz anderen Stelle des Kommentars unterbreitet. Im Falle von Ps 106,10a–12b habe ich ein Fragment Nr. 7b beigegeben, da darin, wie ich unten beschreibe, ein ganzer Gedanke aus einer weit abgelegenen Stelle des Kommentars auftaucht; ähnlich verhält es sich bei der Nr. 10b zu Ps 106. Während in den b-Nummern in meiner Sammlung der eusebische Anteil nachzuweisen ist, finden sich nicht wenige Texteinheiten, die diese Eindeutigkeit vermissen lassen. Der Kommentar zu Ps 106,31a–32 beginnt in N anonym wie folgt: μετὰ τοὺς ἀποστόλους καὶ τοῦ πρεσβυτερίου μνησθεὶς αἰνεῖν (nach ἡγουμένους Ne) τοὺς τῆς ἐκκλησίας ἡγουμένους παρακελεύεται τὸν θεόν. Bis hierher liest man eine Paraphrase der ersten zwei Sätze von Eusebius im Fragment Nr. 12 zu Ps 106, was der Textabgrenzung in C entspricht. Was folgt, ist einer unbekannten Quelle entnommen: ἡ δὲ αἰτία τοῦ αἰνεῖν τὸ τὴν ἔρημον πάλαι τῶν ἐθνῶν ἐκκλησίαν πνευματικῶν ναμάτων ἐν μεθέξει γενέσθαι πολλῶν· οἱ γὰρ ποταμοὶ οἱ εὐαγγελικοί εἰσι λόγοι. Vokabular und Bilder sind reichlich aus Eusebius belegbar, aber sie sind nicht ausschließlich eusebisch. Vor allem aber ist die Wendung ἐν μεθέξει γενέσθαι vornehmlich bei Kyrill und nie bei Eusebius zu finden. Niketas hat nicht nur den direkt überlieferten Eusebius-Kommentar herangezogen, sondern, wie an Textabgrenzungen ersichtlich ist, die Exzerpte sowohl in der Palästinischen Katene als auch deren Epitomierung in der Monophysitischen Katene. Dabei kann er den Kommentar für sich und eine Katene für sich benutzt haben, aber auch beides zugleich. Seine Arbeit erhält dadurch, neben der Gewinnung von neuen Bruchstücken, einen beträchtlichen Wert für die Kritik der schon bekannten. Manche Probleme von A P lassen sich mit ihr bereinigen oder überhaupt erst entdecken. Das Fragment zu Ps 134,19a–21b endet in A P mit einem syntaktischen Gebilde, das zu einer Konjektur herausfordert, aber mit dem bei Niketas stehenden Ausdruck ποίαν δὲ Σιὼν ἢ ποίαν Ἱερουσαλήμ einen einfachen und klaren Sinn erhält, und das in einem gut eusebischen Stil. Im Fragment zu Ps 143,5ab, am Ende des ersten Abschnittes, entsteht mit οὕτω καὶ ὁ τοῦ θεοῦ λόγος ἀνθρώποις überhaupt erst ein ganzer Satz. Ebenso führen Verbesserungen, die nur in einem einzelnen Wort bestehen, zur Vermutung, dass Niketas entweder den Eusebius-Kommentar oder ein Katenen-Exemplar aus einer anderen als der uns bekannten Überlieferung eingesehen hat, zum Beispiel καινή für σκηνήν im Fragment zu Ps 143,9ab.